Herr Kanzler, bitte Schiene vor Straße!

Warum gestatten Sie es, Herr Bundeskanzler, dass Autobahnen neu gebaut werden, auch sogenannte Teilstücke, wenn doch diese Infrastrukturmaßnahmen heute gesamtgesellschaftlich und langfristig mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen?

Am 7.3 2023, einen Tag vor dem internationalen Frauentag, war Bundeskanzler Olaf Scholz in Cottbus zum Kanzlergespräch. Meine Frage übereichte ich ihm schriftlich mit meinem Buch als Geschenk im Anschluss an die Gesprächsrunde.

Im Buch „Projekt Klimaschutz – Was jetzt geschehen muss, um noch die Kurve zu kriegen“, S. 285-288, führe ich u.a. aus, dass so gut wie jeder Autobahnneubau in der Summe mehr Kosten für die Gesellschaft verursacht als Nutzen bringt. Nutzen haben – wenn überhaupt – nur wenigen Anrainer oder Unternehmerinnen und das auch nur vorübergehend.

Kanzler Olaf Scholz erhält mein Buch als Geschenk

Ich begrüße technischen Fortschritt, wo er vorwärtsgewandt ist und sich den neuen Umweltbedingungen stellt und Probleme wie den Klimawandel, Armut und Ungleichheit lösen hilft. Maßnahmen aus einer alten Gewohnheit heraus als technischen Fortschritt zu definieren unter heute völlig veränderten Rahmenbedingungen ist bestenfalls unnötig aber meistens schädlich, Geldverschwendung und Gemeinwohlvernichtung.

Die Bundesregierung hat von 2018 – 2020 insgesamt sieben Mrd. Euro für den Bau neuer Autobahnen investiert und im gleichen Zeitraum 148 Mio. Euro für neue Radwege (Quarks-Sendung, WDR, 2.3.2023). Die jährlich anfallenden Instandhaltungskosten für das Autobahnnetz in Deutschland belaufen sich auf etwa noch einmal die gleiche Summe bzw. ein Vielfaches davon.

Wir leisten uns ein Autobahnnetz, das überdimensioniert ist, und uns viel zu viel kostet. Gleichzeitig betreiben wir ein Schienennetz, das sowohl vom Ausbau wie von der Zuverlässigkeit den Ansprüchen einer modernen Volkswirtschaft im 21. Jahrhundert in keiner Weise gerecht wird. Wir werden dafür schon verlacht in der Welt.

Denn es müsste genau umgekehrt sein: Schiene vor Straße!

Jede neue Straße (ob Autobahnstrecke, Umgehungsstraße, Bundes- und Landstraße), genau wie jede Fahrbahnerweiterung verursachen tatsächlich mehr Verkehr statt ihn – wie gehofft – zu reduzieren. Das ist heute in den Planungs- und Ingenieurbüros Standardwissen. Um Staus zu vermeiden und Verkehr zu reduzieren, müssen Verkehrsleitplanungen mit intelligenten Steuerungen installiert werden, das sind etwa Geschwindigkeitsbegrenzungen, Überholverbote für Lkw, schmale Straßen mit Verkehrsinseln und anderen „Raser“-Hindernissen. Nur gleichmäßig fließender Verkehr verhindert Staus und schwere Verkehrsunfälle.

Durch Lärm, Erschütterung, Reifenabrieb, Stickoxide und andere Abgase, ganz zu schweigen von den Treibhausgasen, entstehen der Gesellschaft hohe Kosten heute und morgen in Form von Gesundheits- und Umweltschäden, Wertverlust von Immobilien und gestressten Anwohner*innen. Von den negativen Folgen für die Tiere und Pflanzen ganz zu schweigen. Für Tiere bedeuten die Beton- und Lärmschneisen unüberwindbare Hindernisse, um zu wandern, Nahrung zu suchen oder sich zu paaren.

Wir brauchen neue Infrastrukturen nicht aus Teer, Beton und Asphalt, sondern aus Kupfer- und Glasfaserkabel und Wasserstoff-ready Leitungen. Auch Elektroautos sind nicht die neue Individualmobilität, die wir brauchen. Sondern ein Verkehrskonzept beruhend auf ÖPNV, smarten Quartieren mit kurzen Wegstrecken sowie einem regionalen, naturnahen Tourismus, der Wertschöpfung im Land hält.

Brandenburger Tagebausee

Die heimische Natur ist neben uns Menschen der größte Wert unseres Landes. Wollen wir den Wohlstand halten, müssen wir unsere Ressourcen schonen und sinnvoll nutzen. Wie? Wälder mit klimaverträglichen Gehölzen umbauen, intelligent Wasser nutzen und sparen, Brandenburger Tagebauseen verkleinern, größere Naturräume erhalten und wieder zusammenführen und – wo es geht – Autobahnen zurückbauen. Also das genaue Gegenteil von dem, was in der Planung ist!

Morgendämmerung – ein Kommentar für Lausitzwelle TV und Wochenkurier

Wenn einmal der Bundeskanzler in die Lausitz kommt und mit den Bügerinnen und Bürgern das Gespräch sucht, dann möchte man sich schon vorbereiten. Die zufällig ausgelosten Gäste hatten ihre Frage an den Kanzler häufig auf einen Zettel geschrieben und lasen ab. Das wirkte sympathisch. Wie auch der Regierungschef selbst sympathisch und zugewandt wirkte und keiner Frage auswich.

Die Lausitz hat gute Chancen auf Wirtschaftswachstum, erklärte Olaf Scholz – mehr noch als andere Regionen. Es schien als hätte sich seine optimistische Sicht im Saal verbreitet und duldete keinen Widerspruch. Denn vom Publikum gab es kein Wort zu dem sonst heiß und immer wieder heftig diskutierten Thema eines möglichen früheren Kohleausstiegs.

Mein Kommentar dazu

Hinweis: Ein Klick auf dieses Bild öffnet das Video. Es werden dabei Daten zu Google übertragen.

Kanzlergespräch in der Lausitz

Am 7. März weilte der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz in Cottbus. Er absolvierte ein ganztägiges Programm in der Stadt mit Besuchen bei Handwerker*innen, in einem Frauenzentrum und dem Rathaus. Zuletzt stellte sich der deutsche Regierungschef den Fragen der Bürgerinnen und Bürgern aus Cottbus und der Region. 150 Gäste waren ausgelost worden, rund 400 hatten sich um einen Platz beworben.

Die Medien waren da und notierten genau welche Fragen die Menschen dem Kanzler vis-à-vis stellen wollten.

Kanzler Scholz stellt sich dem Publikum Quelle Video Bundesregierung

Natürlich war es Zufall, wer nun an die Reihe kam und sich vorstellen und dann seine Fragen an den Kanzler richten durfte. Die Moderatorin Juliane Sönnichsen hatte die Auswahl und nahm geschätzt etwas mehr Frauen als Männer dran. Leider keine aus der Generation der unter Zwanzigjährigen, weil die fast nicht vertreten waren.

Die meisten Fragen kamen aus dem Bereich Rente und Ärzteversorgung. Eine zur Ukraine und die behandelte der Kanzler dann so ausführlich, dass nur eine weitere zu dem Komplex folgten, wobei es da aber nicht um die generelle Ausrichtung der Bundesregierung ging sondern eher darum, ob unsere Wirtschaft mehr und mehr auf Rüstung umstellen würde. Ja – zwangsläufig, war die Antwort. Manche Fragestellerin nahm viel Raum ein und beschwerte sich als Kommunalpolitikerin von zu wenig Unterstützung aus der Bundespolitik, was auch immer sie damit meinte, blieb für mich zumindest offen. Mehr Geld? Mehr Besuche in der Stadtverordnetenversammlung oder auf den Marktplätzen?

Es ist sowieso erstaunlich, dass bei dem Terminkalender des Kanzlers, diese Bürgergespräche nicht unter den Tisch fallen. Mehrere Fragen betrafen die Ungerechtigkeit zwischen der Absicherung im Alter zwischen Beamt*innen und Rentner*innen. „Da müssen Sie sich bei Bismarck beschweren“, läutete Olaf Scholz seine Antwort ein. Aber eine generelle Änderung dieser Zweiteilung in der Altersabsicherung sei nicht geplant. Kritik zum Ärztemangel konnte er mit gleich mehreren Hinweisen auf die geplante Einrichtung einer Universitätsmedizin in Cottbus leicht abräumen.

Aufmerksame Zuhörer*innen Anja Paumen, Rüdiger Albert
Quelle Video Bundesregierung

Einige Fragen kamen auch aus dem sozialen Bereich, wie Kindergrundsicherung oder Leistungen des Arbeitsamtes. Eine Bürgerin, die selbst in dem Bereich der Leistungszuteilungen arbeitet, mahnte, dass ihrer Meinung nach die Eigenverantwortung bei einigen Mitbürger*innen verlorengehe, wenn es doch so einfach ist, sich finanzielle Unterstützung vom Staat zu holen. Die Antwort von Olaf Scholz war, es könne auch einmal passieren, dass sie selbst darauf angewiesen wäre und für solche Fälle wären die Hilfen des Staates. Sie sollten jeden Einzelnen wieder in die Lage versetzen, schließlich wieder für sich selbst zu sorgen.

EINE, tatsächlich eine einzige kam aus dem Themenbereich Umwelt- und Klimaschutz. Es ging um den Kiesabbau in Mühlberg, einer Gemeinde in Elber-Elster. Die Bewohnerin sagte, man sei mittlerweile eingekreist vom der Kiesgrube und sie solle noch erweitert werden. Die Antwort des Kanzlers: „Wenn Ihre Tochter eine neue Wohnung bezieht, dann muss der Kies irgendwo herkommen.“ Das war nicht befriedigend für die Bürgerin, wie sie später sagte. Aber der Kanzler hatte da meiner Meinung nach den Finger in die Wunde gelegt. Unsere Ansprüche an ein gutes Leben stehen auf der einen Seite und auf der anderen Seite, die Umweltschäden, die mit der Befriedigung dieser Wünsche zwangsläufig entstehen.

Das Kanzlergespräch in Cottbus war das sechste dieser Art der neuen Bundesregierung. Zuvor war er u.a. in Marburg, Essen und Gifhorn. Pro Bundesland gibt es eines dieser Art. Alle Kanzlergespräche werden von der Bundesregierung auf der Internetseite zum Nachschauen angeboten. Dasjenige aus Cottbus in voller Länge von rund 1,5 Stunden ist hier verlinkt.

Weggekommen

Zum 75. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkrieges. Ein Wort, eine Erinnerung.

Sie sagte immer, „sie sind weggekommen“. Anfangs dachte ich, sie hätte mehrere Sachen verloren. So wie man einen Brief oder ein gesticktes Taschentuch verliert und sie hatte eine Menge von diesen gestickten Taschentüchern. Auf jeden Fall dachte ich zuerst an eine Sache, ein Ding, das man verliert. Ich hatte damals auch schon etwas verloren: eine weiße Strickjacke, die ich über dem Geländer unserer Grundschule habe hängen lassen. Mir war warm, ich habe sie ausgezogen, wir haben gespielt, dann kam der Bus … und die Jacke hing da noch. Später als ich den Verlust bemerkte, hing sie da nicht mehr. Ich bekam natürlich mächtig Ärger Zuhause. Teuer war sie wohl die Jacke.

Ja, das machte Sinn für mich. Etwas was teuer war, kommt weg und das ist dann schlimmer, als wenn etwas weniger teuer war und wegkommt. Ich hätte besser aufpassen müssen! Dabei mochte ich die Jacke. Ehrlich. Sie war mir bloß in dem Moment aus dem Sinn gekommen und dann war sie weggekommen. In dem Zusammenhang dachte ich an das Wort. Besonders schlimm muss es sein, wenn etwas wegkommt, was teuer war. Heute weiß ich es besser: untröstlich ist es, wenn jemand „wegkommt“, der einem teuer war.

Hannah, meine liebe Hannah, hat das Wort in einem Zusammenhang benutzt, der mich anfangs schon irritierte. Damals als wir uns trafen: ich das Grundschulmädchen und sie die feine ältere Dame aus der Wohnung gegenüber. Sie kam mir aber nie alt vor, nur die Zahlen ihres Alters erschienen mir unendlich weit weg von meinem eigenen. Immerhin noch einstellig!

Sie sagte, „sie ist weggekommen“ oder „er ist auch weggekommen“.

Am Anfang redete ich mir ein, dass es Hoffnung gibt, dass diese Dinge wiederkommen, dass man sie wiederfindet. Ich meine, wenn etwas wegkommt, dann ist es ja nur w o a n d e r s hingekommen. Es hat sozusagen nur den Ort gewechselt. Meine weiße Strickjacke, dachte ich, die hat niemand in die Mülltonne geworfen. Die war schön, aus gutem Material, eben was Teures, das konnte man schnell sehen. Jemand hat diese Jacke mitgenommen – für sich. Vielleicht hat er sie im Fundbüro abgegeben. Auf jeden Fall war ich mir sicher, dass diese Jacke nicht vernichtet worden ist. Sie existierte weiterhin. Sie war bloß weg – nicht mehr in meinem Besitz. Also wenn ich so an das Wort „weggekommen“ dachte, dann schwang da Leichtes mit. Etwas Trost, dass das Ding wiederauftaucht oder zumindest in neuen guten Händen ist.

So etwas meinte Hannah aber nicht, wenn sie sagte „sie sind weggekommen“. Ich begriff das allmählich. Sie sagte das einmal und schwieg dann. Ich spürte immer mehr, dass etwas Endgültiges darin lag. Da war keine Hoffnung auf ein Wiedersehen, da war kein Trost. Hannah meinte etwas, was ich mir nicht vorstellen konnte damals und sie wusste das und sagte nichts weiter. Es war ein Donnerschlag von einem Satz, der dann wieder verstummte, leise im Raum sich niederlegte. Dann wurde es immer klarer: Menschen sind „weggekommen“! Sehr viel später begriff ich dann, dass dieses „weggekommen“ viel zu still, leise ist. Das es eigentlich harmonisch und harmlos klingt.

Aber vielleicht war es genau das, warum Hannah bei diesem Begriff blieb. Ein Euphemismus, eine Beschönigung, um sich selbst zu schützen. Um den Gedanken wegzuschieben, wie grauenvoll sie und er und alle anderen starben. Um das Unfassbare nicht denken zu müssen. Dann lieber „weggekommen“ sagen, damit auch das eigene Gehirn vor zu viel Störfeuer, vor zu viel Grausamkeit geschützt ist. Auch einige von ihren Freunden aus der Zeit, die ich später traf, nutzten genau das gleiche Wort.

Tatsächlich habe ich im Laufe der Zeit festgestellt, dass nur ganz wenige und nur ganz bestimmte Menschen das Wort in dieser Weise benutzten. Genau deswegen konnte man anhand dieses Wortes eindeutig feststellen, zu welcher Gruppe der Sprecher gehörte. Wer immer auch von „weggekommen“ sprach, war eindeutig selbst einer oder eine von denen, die das Regime nicht hatte überleben lassen wollen. Niemals hätte ein Geschichtslehrer in meiner Schule, ein Wissenschaftler in einem Buch oder sonst jemand, der zum Thema der Menschenvernichtung sich äußerte, von „weggekommen“ gesprochen. Niemals, es sei denn, er war einer von denen, die auch „wegkommen“ sollten. So wie Hannah.

Hannah sagte „sie sind alle weggekommen“ und guckte so entrückt. Ich ahnte als kleines Kind, dass diese Erinnerung einen besonderen Einfluss auf sie, auf jeden Menschen haben muss. Sie war dann für einen Moment nicht hier, sie war bei dem Wort „weggekommen“ selbst hinweg genommen in eine andere Sphäre. Ich starrte sie an. Ich schaute Hannah immer ganz genau an, weil ich immer ganz genau zuhörte. Ich dachte, ich würde sonst vielleicht etwas Wesentliches verpassen. Aber wenn ich nachfragte, hörte sie mich nicht. Ich wollte nicht unhöflich sein. Ich dachte, wenn sie mir nicht mehr sagen will, dann hat sie ihre Gründe. Vielleicht macht es sie einfach zu traurig. Hannah war gut zu mir. Ich wollte Hannah glücklich sehen und nicht traurig. Hannah war mir nah.

Heute vermisse ich dieses Wort. Denn es war und ist ein Hannah-Wort. Ich habe es immer nur bei ihr, von ihren Freunden oder natürlich von ihr gehört. Auch wenn eine dröhnende Traurigkeit im Raum lag, wenn sie das Wort sagte.  Ich würde es gerne noch einmal hören. Wenn sie es sagt. Ich würde Hannah gerne noch einmal hören. Vielleicht würde ich sie heute in den Arm nehmen. Aber vielleicht auch nicht. Sie wollte nicht getröstet werden, sie war geistig ganz weit weg in dem Moment –  nicht hier. Du kannst nicht jemanden trösten, der geistig nicht bei dir ist. Solltest du den umarmen, wird er dich vielleicht wegstoßen oder völlig überrascht, ungewöhnlich reagieren. Denn die Umarmung trifft ihn nicht in der Gegenwart, sondern die Berührung kommt zu ihm, in dem Moment, in dem er das sieht und fühlt, wovon er zuvor gesprochen hat. Wenn dieser Mensch „weggekommen“ zuvor gesagt hat, dann befindet er sich bei denen und in dem Moment als der Umstand zuschlug, der zum „weggekommen“ führte. Deswegen können keine tröstenden Worte ihn erreichen. Aber überhaupt, Hannah war nicht jemand, der sich trösten ließ.

Warum? Vielleicht gibt es auch dafür handfeste Gründe.

Man konnte Hannah nicht trösten, weil der Verlust und die erlebte Bedrohung zu enorm, zu allumfassend und zu überdimensional waren. So alles umfassend, dass diese Erfahrungen sich für immer einritzten, allumfassend blieben und sich später auch nicht mehr wegtrösten ließen. Ich glaube Hannah war traurig und wütend zugleich. Unversöhnlich wütend und verletzt. Sie war auch hart. Aber ich denke, das war ihr Charakter schon von Anfang an. Sie war eine Kämpferin, hart gegen sich und hart gegen andere. Womöglich waren das die Gründe, warum sie überlebte und dageblieben war.

Hannah ist jetzt vielleicht da, wo sie die findet, die „weggekommen“ sind. Das hängt von der Betrachtung ab, die man anstellt. Aber das Verrückte ist, dass irgendwie ihr Verlust auch auf mich übergegangen ist. Nicht nur mein Verlust, dass meine liebe alte Hannah nicht mehr da ist. Sondern der Verlust, an dem Hannah zu ihren Lebzeiten litt und den ich durch ihre Trauer miterlebte. So ist irgendwie ihre Trauer auch meine geworden.

Heute denke ich an Hannah und an die, die Hannah meinte, wenn sie sagte „die sind weggekommen“. Genau heute vor 75 Jahren war deren und Hannahs Martyrium zu Ende. Hannah hat überlebt. Hannah konnte ich treffen und kennenlernen. Die anderen habe ich nicht getroffen. Sie waren vorher schon „weggekommen“. Sechs Millionen Mal „weggekommen“.

Ihre Untätigkeit schürt die Flammen stündlich

Warum habt ihr nichts dagegen getan zwischen 1939 – 1945 und 1992 – heute?

Heute ist der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Er wurde 2005 von den Vereinten Nationen zu diesem bestimmt. Neun Jahre zuvor hat bereits der deutsche Bundespräsident Roman Herzog den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus eingeführt. Anlass ist immer der Tag, an dem die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz in Polen befreit hat. Der deutsche Gedenktag richtet sich aus gleichem Anlass an alle Opfer des Nationalsozialismus und der internationale Gedenktag konkreter an die Opfer des Holocaust, damit an die jüdischen Opfer. Denn Holocaust steht als Begriff für die Verfolgung und Vernichtung der Juden in Deutschland und Europa durch das NS-Regime. Dieser Text gilt beiden Gedenktagen.

Als Kind habe ich, wie viele andere, versucht zu begreifen, was zwischen 1939 und 1945 in Deutschland passiert ist. Bis heute werde ich immer ganz still, wenn Zeitzeugen aus dieser Zeit berichten. Ich versuche mich dann immer in die Zeit hineinzuversetzen und frage mich, ´wie hätte ich mich verhalten?`

Zeitzeugen, die ich bisher gehört habe, waren Nicht-Juden wie Juden. Die Juden haben durch verschiedene Wunder überlebt, die Nicht-Juden manchmal auch. Nicht-Juden, die Zeitzeugen waren, sagen oft im Zusammenhang mit dem Holocaust: „Das haben wir nicht gewusst!“ Ich verstehe, dass sie nicht gewusst haben, dass wehrlose Menschen aus einem Zug aussteigen, sich ausziehen müssen und in eine Gaskammer geführt werden, um vergast zu werden. Das, denke ich, konnte man nicht wissen – es war fern jeder Vorstellungskraft. Das konnte man sich, ohne andere Informationen zu haben, auch zwischen 1939 – 1945 nicht vorstellen. Aber das jüdische Mitbürger*innen verfolgt werden, konnte jeder wissen. Jeder, der am Leben in Deutschland zwischen 1939 – 1945 teilnahm, konnte das wissen. Denn die Verfolgung war überall und gegenwärtig.

„Wir haben nicht gewusst, dass Juden nicht mehr arbeiten durften, dass ihre Geschäfte demoliert wurden, dass sie auf offener Straße misshandelt wurden, dass sie entrechtet und enteignet wurden, dass ihre Gotteshäuser angezündet und geplündert wurden, dass sie ohne Urteil ins Gefängnis gesperrt oder verschleppt wurden, dass sie abgeholt, weggebracht und nicht mehr gesehen wurden…“, das stimmt nicht. Das wussten die Menschen in Deutschland und den besetzten Gebieten, es sei denn in ihrer Nähe gab es keine Juden, keine Zeitung und keine Menschen, die ihnen davon aus anderen Regionen hätten berichten können. Das muss aber eine verschwindend geringe Minderheit gewesen sein. Mein Fazit ist: Wer in Deutschland zwischen 1939 – 1945 lebte, wusste, dass Juden verfolgt wurden. Dann stellt sich unmittelbar die Frage: Warum habt ihr nichts dagegen getan? Oder offener gefragt: Was habt ihr getan?

Diese Frage ist unerhört gestellt von einem, der nicht zu der Zeit in Deutschland lebte. Denn keiner, ich zumindest nicht, kann sich vorstellen, wie das gewesen sein muss in dieser Zeit: totale Überwachung, totale Denunziationsmöglichkeit, totale Entrechtung aller Menschen auch der Nicht-Juden und natürlich Kriegszustand. Dennoch stellen manche diese Frage.

Atlas, die Bürde der Welt auf seinen Schultern.

Auch Greta Thunberg stellt Fragen an Zeitzeugen. Die schwedische Klimaaktivistin hat vor einigen Tagen in Davos gesprochen. Auf dem Weltwirtschaftsforum, WEF, in Davos treffen sich jährlich die wichtigsten Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Finanzsystem. Kurzum: die, die etwas weltweit verändern könnten, wenn sie wollten. In ihrer Rede hat Greta Thunberg dann eine Frage gestellt, die sehr ähnlich klingt, wie die an Zeitzeugen von 1939 – 1945.

Greta fragte ganz konkret die deutlich älteren Manager, Politiker und Banker: „Ich frage mich, was Sie Ihren Kindern sagen werden, was der Grund für das Scheitern war und sie in einem Klimachaos zurücklässt, das Sie wissentlich über sie gebracht haben. Dass es so schlecht für die Wirtschaft schien, dass wir beschlossen, auf die Idee der Sicherung zukünftiger Lebensbedingungen zu verzichten, ohne es auch nur zu versuchen?“ Und dann schloss sie mit den Sätzen: „Unser Haus brennt immer noch. Ihre Untätigkeit schürt die Flammen stündlich. Und wir sagen Ihnen, Sie sollen so handeln, als ob Sie Ihre Kinder über alles andere lieben würden.“

In beiden Fällen sind Zeitzeugen aufgerufen, Stellung zu nehmen. „Was war der Grund für das Scheitern?“ Oder: „Warum habt ihr nichts dagegen getan?“ In beiden Fällen beklagen die Nachgeborenen eine Untätigkeit zwischen 1939 – 1945 oder zwischen 1992 – heute. Konkret: Einer Untätigkeit angesichts der Verfolgung von Mitbürgern und dem Ergebnis von sechs Millionen Ermordeten und einer Untätigkeit angesichts steigender Treibhausgasemissionen und dem Ergebnis tödlicher Umweltkatastrophen. In beiden Fällen sind die Dimensionen der unmittelbar tödlichen Folgen noch sehr unterschiedlich, auch die Handlungsmöglichkeiten sind nicht vergleichbar. Aber Untätigkeit trotz (besseren) Wissens steht jedes Mal als Frage im Raum.

Warum gerade 1992? Weil seit 1992 alle Staaten dieser Welt wissen, was steigende Treibhausgasemissionen für die Lebensbedingungen auf diesem Planeten bedeuten. Damals unterzeichneten die Staats- und Regierungschefs die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, UNFCCC. Dort steht geschrieben, was Treibhausgase bewirken und dass wir, alle Staaten der Welt und ihre Bürger, dagegen etwas tun müssen.

Die Regierungen und Staatschefs dieser Welt können seit 1992 nicht mehr sagen, das wussten wir nicht. Sie wussten es. Die Bürger in den fast 200 Staaten dieser Welt wussten es noch nicht alle seit 1992… aber jetzt wissen es immer mehr. Wer heute am öffentlichen Leben teilnimmt und Nachrichten wahrnimmt, weiß, dass die steigenden Treibhausgasemissionen Lebensgrundlagen hier und woanders zerstören. Der weiß, dass je mehr Kohlenstoffdioxid aus der Verbrennung von Öl, Gas und Kohle in die Luft entweicht, umso unbewohnbarer der Planet wird. Warum tun wir nichts dagegen? Oder offener gefragt: Was tun wir?

Pursuit of Happiness Today

In den Zeiten des Klimawandels ist es an der Zeit, „Glück“ neu zu definieren. Das Motto des 20. Jahrhunderts in der von der Aufklärung beeinflussten westlichen Welt war etwa wie folg: „Verfolge deine individuellen Ziele, um glücklich zu sein.“

Heute sind immer mehr Menschen finanziell und von der freiheitlichen Ordnung ihres Landes ausgehend in der Lage, sich auf den Weg zu ihrem eigenen Glück zu machen. Das ist gut. Aber liegt das eigene Glück heute weiterhin in dem Sinne darin, sich selbst die wichtigsten Wünsche zu erfüllen und seinen eigenen Zielen maximale Priorität zu verschaffen?

Wenn das so wäre, denn würde der Lebensstandard Europas, Kanadas, Nordamerikas, Japans nun auf die Schwellenländern wie China, Brasilien, Russland, Indonesien übertragen werden. Nach den Erfahrungen der letzten 50 Jahre würde das bedeuten: mehr Reisen, mehr Rindfleisch, mehr materielle Produkte pro Haushalt und mehr Fläche.

Alle diese Punkte verschärfen die Umweltprobleme.

Wie wäre es, wenn wir ein kollektives Ziel auch zu unserem eigenen Glücksziel erklären würden? Das Ziel die Erderwärmung auf 1,5°C gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen, würde allen Erdbewohnern gleichsam nutzen.

Würde es uns glücklich machen, wenn Inseln nicht untergehen? Wenn Küstenstädte nicht umziehen müssten? Wenn Menschen nicht ihre Heimat verlassen müssten, weil sie dort keine Ernte mehr einfahren können oder weil Erdrutsche und Wetterextreme das Leben dort unmöglich machen?

Würde es uns glücklich machen, wenn wir durch eine gemeinsame Anstrengung, die Vielfalt des Lebens erhalten? Wenn wir die Lebensräume von Tieren und Pflanzen erhalten, auch wenn wir sie nicht essen können oder wollen? Auch wenn wir dadurch Fläche für Produktion und Anbau verlieren?

The pursuit of limiting global warming to 1,5°C equals the pursuit of happiness for human kind. Die Verfolgung des Ziels die globale Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen wäre gleichgesetzt mit dem Ziel der Suche nach dem Glück für die Menschheit.

 

 

 

Ein Rabbi für Riga

Pessach im April 2019 sei seine größte Herausforderung, sagt Ilya Krumer. Seit letzten Juni betreut er die orthodoxe Gemeinde in Riga in der Peitav-Shul Synagoge.

Jüdisches Leben in Lettland konzentriert sich auf die Hauptstadt Riga. Nach der letzten Volkszählung gaben etwa 7000 Menschen in Lettland an, jüdischen Glaubens zu sein. In der einzigen Synagoge Rigas, die die Zerstörung in der Naziherrschaft überdauert hat, die Peitav-Shul Synagoge, kommen heute orthodoxe, liberale und Reformjuden zu den Feiertagen zusammen.

Peitav-Shul Synagoge in Riga

Rabbi Ilya Krumer ist eingesprungen, weil sein Vorgänger Rabbi Kalev Krelin aufgrund der angespannten Finanzsituation der Gemeinde nur noch in Teilzeit arbeite konnte. Krelin arbeite nun in Riga und in Moskau gleichzeitig. Da klaffte dann plötzlich eine Lücke für die Betreuung der jüdischen Gemeinde in Riga und so sah sich Ilya Krumer in der Pflicht, obwohl er lieber noch etwas damit gewartet hätte, mehr Zeit gebraucht hätte, um sich auf diese Aufgabe vorzubereiten, erzählt er. 20 bis 40 Familien zählten heute zur orthodoxen Gemeinde Rigas, so Rabbi Ilya Krumer. Sie sei wichtig, um den Juden in Lettland Orientierung zu geben. Die meisten Juden hätten aufgrund der Ansprüche des modernen Lebens keine Zeit und keine Motivation mehr, die jüdische Tradition zu leben, sagt er. Aber für die wenigen, die diesen Weg wählten, will er da sein.

„Es gibt viele Spenden und finanzielle Unterstützung für die Juden, die Balei Tschuwa machen, die zur Thora zurückkehren wollen. Aber wenn sie sich dann dafür entscheiden, dann kümmert sich keiner mehr um sie,“ sagt Krumer. Das sei ein großes Problem. „Um die Thora zu studieren, kannst du dich nicht in eine Ecke in deinem Haus verkriechen. Du brauchst einen Platz, um die Thora zu studieren, einen Menschen mit dem du zusammen studierst und eine Infrastruktur, die einen Alltag nach jüdischen Regeln ermöglicht“, zählt Krumer auf. Er unterrichtet im Moment fünf bis acht Stunden pro Tag zwischen 15-20 Thorastudenten, im Alter von 30 bis 50 Jahre alt sind. Es gibt auch Jüngere, aber die haben weniger Zeit dafür. Balei Tschuwa ist eine Bewegung unter den Juden in aller Welt. Sie heißt etwa „Meister des rechten Weges“ und steht dafür, wenn sich säkulare Juden wieder der Thora, der „Bibel“ der Juden zuwenden-Sie kehren zurück zu den traditionellen Sitten und Riten, studieren die Thora und richten ihren Alltag nach deren Geboten aus.

Die meisten Juden in Riga stammen aus der Zeit, als Lettland zu der Sowjetunion gehörte, das war von 1945 – 1991 der Fall. Damals kamen viel aus der Sowjetunion nach Lettland, weil sie hier ihr Judentum etwas freier leben konnten. Die Familie von Rabbi Elya Krumer stammt aus Lettland. Seine Großeltern waren während der Nazizeit nach Usbekistan und Kasachstan geflohen und kehrten 1945 wieder zurück nach Lettland. Die jüdische Gemeinschaft in Lettland besteht fast ausschließlich aus Juden, die Russisch und nicht ursprünglich Lettisch sprechen. Auch seine Familie hätte entweder Jiddisch oder Russisch gesprochen, sagt Krumer. „Es gibt diese Gruppe von Lettisch sprechenden Juden in Lettland nicht.“

Von den rund 70.000 Juden, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Lettland lebten, sind bis auf ein paar Tausend alle ermordet worden. Die höchste Zahl von Juden der Nachkriegszeit hatte Lettland in den 1980er Jahren mit rund 30.000 Menschen. Doch viele sind nach Israel oder Westeuropa ausgewandert, was den Gemeinden schwer zu schaffen machte. Aber Krumer hat dafür Verständnis. „Es gab dieses Fenster der Gelegenheit und da haben viele zugegriffen. Es war Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre ja nicht klar, wie es mit Lettlands Unabhängigkeit und dem jüdischen Leben hier weitergeht.“

Seit 1991 ist Lettland ein eigener Staat, nachdem es 1918 erstmalig seine Unabhängigkeit ausgerufen hat. Die Zukunft der Juden in Lettland sei trotzdem nicht rosig. Nicht wegen einer Bedrohung von außen, sondern weil sie zahlenmäßig so wenige sind, meint der Rabbi aus Riga. Antisemitische Übergriffe habe es in den letzten Jahren nicht gegeben, sagt er. Das liege auch daran, weil es so gut wie keine muslimischen Einwanderer gebe. Und die Letten? Sie seien zwar von Haus aus xenophobisch, aber die Vertreter der lettischen Regierung bemühten sich um einen guten Kontakt zur jüdischen Gemeinschaft.

Heute gibt es in Riga drei jüdische Kindergärten und zwei jüdische Schulen. Zwei Kindergärten und eine Schule betreiben die Lubawitscher Chassiden. „Sie haben viel Einfluss und ziehen mehr säkulare Juden an als wir“, sagt Krumer. Er sieht diesen Einfluss kritisch, denn innerhalb der jüdischen Gemeinschaft konkurriert die orthodoxe Gemeinde, der er vorsteht, mit der Chabad Gemeinde, wie die Lubawitscher Chassiden auch heißen, um Anhänger. Die Chabad Gemeinde ist eine orthodoxe Gruppierung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, die weltweit ihre Anhänger haben. Die Chabad Gemeinde habe gute finanzielle Beziehungen ins Ausland, sagt Krumel. „Sie haben, was das Budget betrifft, 95 Prozent und wir 5 Prozent.“ Letzten Endes könne er nicht mehr tun, als eine Alternative zu den Chassidim anzubieten. Er möchte den Juden ermöglichen, nach der Thora zu leben, „so wie es unsere Vorfahren vor 3000 Jahren gemacht haben.“ Dafür arbeitet er im Moment für drei, wie er sagt, und könne doch nicht alle Aufgaben bewältigen. Doch seine größte Herausforderung liege noch vor ihm. „Das ist mein erstes Pessach-Fest als Rabbi unserer Gemeinde im April 2019.“ Für eine Bilanz sei es daher noch zu früh: „Warten wir ab, bis ich mein erstes Jahr überstanden habe.“

 

Antisemitismus ist nicht das Kernproblem der Juden

IMG 0798 formatiert

Das deutsche Novemberpogrom jährt sich zum 80. Mal. Daraus leitet sich die entscheidende Frage ab, die sich seit rund 200 Jahren immer wieder stellt: Wie bekämpft man Antisemitismus? Antworten gaben jetzt Experten aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft auf der Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft e.V. „Den Opfern verpflichtet – Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart“

In der Nacht vom 9. auf den 10. November brannten rund 1400 im Deutschen Reich (Deutschland, Österreich) befindliche Synagogen, wurden geplündert oder geschändet. Mehrere hundert Juden wurden in der Nacht ermordet oder starben in den kommenden Wochen und Monaten an den Folgen ihrer Misshandlung oder Verschleppung in die frühen Arbeits- und Konzentrationslager. Viele zigtausend Geschäfte jüdischer Besitzer wurden ebenfalls zerstört und geplündert. Augenzeugen dieser Nacht beschrieben wie Gestapo- und SA-Männer und andere, die sich ihnen anschlossen, mit Eisenstangen die Schaufenster der Geschäfte einschlugen. Es waren so viele, in manchen Städten jedes fünfte Geschäft, dass das Zerborsten von Glas und das Klirren der Bruchstücke, wenn sie auf den Boden aufschlugen, wie ein helles Munitionsfeuer in den Straßen und Gassen der Städte und Dörfer widerhallte. Ein Menetekel.

Die Wissenschaft ist sich heute einig, dass dieser Tag oder vielmehr diese Nacht einen Wendepunkt markiert. „Die erste große physische Attacke gegen Juden in Deutschland“ in der Nazizeit sei das gewesen, begleitet von einem starken Wegducken, Wegschauen der Bevölkerung, resümiert die Historikerin Dr. Cornelia Wilhelm von der Münchner Ludwigs-Maximilians-Universität. Danach setzte eine Massenflucht der Juden aus Deutschland ein. Der aktuelle Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, interpretiert das Pogrom aus heutiger Sicht. „Es war der finale Test der Nazis, wie weit sie gegenüber den Juden gehen können“, ohne dass die Gesellschaft protestiert. Das hat sie nicht. Daher fiel der Test „für die Nazis befriedigend aus“. Sie wussten nun, sie konnten weitermachen und mehr noch, sie konnte noch viel weitergehen.

Was heute noch überrascht ist der geringe Widerstand aus der Bevölkerung, wie es Dr. Bernd Faulenbach, der Vorsitzende des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. formuliert. „Aber das, was an Widerstand da war, das möchten wir heute stärker benennen“.

Die Helden von damals können uns den Weg weisen

Genau diese Strategie verfolgt auch die Bundesregierung. Für sie sprach der seit April benannte Beauftragte für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, Dr. Felix Klein. „Wir müssen uns dafür wappnen, wenn es nötig ist, Zivilcourage zu zeigen.“ Den Weg dahin „weisen uns heute die mutigen Handlungen Einzelner“. Viel zu lange galten die Widerstandskämpfer in unserem Land noch als Vaterlandsverräter, doch „es ist endlich an der Zeit, diesen Personen ihren gebührenden Platz zuzuweisen.“ Sie können uns heute Vorbild sein, schlägt Dr. Klein vor.

Ein Vorbild, heute würde man Held sagen, in dieser Pogromnacht war der damalige Leiter des 16. Polizeireviers in Berlin-Mitte, Wilhelm Krützfeld. Der damals 53-jährige Polizeioberleutnant stellte sich mit seinen Leuten den Brand legenden SA-Truppen entgegen. So konnten die Polizeibeamten die Zerstörung der Neuen Synagoge in der Oranienburgerstraße in Berlin verhindern. Sie ist heute als Synagoge mit ihrer golden verzierten Kuppel wieder ein Wahrzeichen für die Gegenwart jüdischen Lebens in Deutschland. „Andere Polizisten aus diesem Revier wie Willi Steuck und Otto Bellgardt halfen Juden in der NS-Zeit mit falschen Pässen und warnten sie vor Razzien“, betont Dr. Klein.

An Vorbildern lernen wie man Zivilcourage zeigt, das sei eine der Antworten auf den Antisemitismus unserer Zeit. Das dieser immer stärker wird, ist für alle Experten deutlich. Laut Kriminalstatistik wurden im letzten Jahr 1.500 antisemitische Straftaten begangen. Das ist ein Anstieg um 2,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die überwiegende Mehrzahl der Taten sind rechtsmotiviert (94 Prozent). Felix Klein sagt, dass allein seit den wenigen Monaten seines Amtsantritts im Arpil die Hemmschwelle für Hasskommentare in Briefen und Blogs immer weiter gesunken sei. Als schlimme Vorzeichen nannte er auch die Demonstrationen in Chemnitz und in Dortmund in den vergangenen Wochen, wo Rechtsradikale auf offener Straße den Hitlergruß gezeigt hätten. Auch in Schulen würde das Wort Jude wieder häufig als Schimpfwort verwendet.

Einige der Redner sprachen sich daher für eine bessere Lehrerausbildung aus. Antisemitismus müsse schon in den Schulen bekämpft werden. Ja, sagten in der anschließenden Diskussion einige aus dem Publikum, aber wie? Denn die Lehrer seien heute schon an der Grenze ihrer Belastung und man könne ihnen nicht für alles in der Gesellschaft die Verantwortung aufbürden.

Die Flüchtlinge müssen sich unsere Geschichte aneignen.

Dafür sind die Immigranten nach Ansicht von Dr. Klein stärker in die Pflicht zu nehmen. Gerade für die Menschen, die als Flüchtlinge oftmals aus muslimisch geprägten Ländern zu uns gekommen sind, gelte, dass sie sich die Vergangenheit dieses Landes aneignen müssen. „Sie müssen die deutsche Geschichte kennen und die Lehren, die wir daraus gezogen haben.“ Die Lehren seien die uneingeschränkte Ablehnung von Rassismus und Antisemitismus. Den Respekt vor diesen Werten „sollten wir aktiv von den Flüchtlingen einfordern“, findet Dr. Klein.

Abraham Lehrer vom Zentralrat der Juden ergänzte, er sei überzeugt davon, dass wenn es heute gegen Moslems geht, dann gehe es morgen wieder gegen die Juden. Nach dieser Aussage sitzen wir alle in einem Boot, egal ob Juden, Muslime, Christen oder Konfessionslose. Wir verlieren alle das gleiche, wenn Gruppen von Menschen angefeindet oder verfolgt werden. Auch wer zuerst selbst andere anfeindet, wird bald selbst ein Verfolgter sein. Auch der Journalist Dr. Jacques Schuster von der Zeitung die Welt unterstrich, dass Antisemitismus nicht das Kernproblem der Juden sei, sondern Ausdruck eines gesamtdemokratischen Problems. Zu dem heutigen Judenhass geselle sich noch ein Hass auf das Parlament oder ein Hass auf Europa wie er von vielen Leserbriefen an der Redaktion berichten kann. Die prägnanteste Zusammenfassung lieferte schließlich wieder Dr. Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung: „Den Zustand der Gesellschaft kann man daran ablesen, wie es der jüdischen Gemeinschaft geht.“

Wie geht es der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, wendet sich die Moderation Andrea Thilo daraufhin an Abraham Lehrer vom Zentral der Juden, der prompt antwortet: „Nicht gut.“