Geld oder Kohle?

Die diesjährige Weltklimakonferenz in Glasgow, COP26, ist zu Ende. Die wichtigsten Fragen drehten sich um Geld und Kohle. Sind die Antworten nun ein Erfolg, Misserfolg oder etwas dazwischen? Was ist die Bilanz der COP26?

Einer, der das beurteilen kann, ist der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres. Er kann es deswegen abschätzen, weil er frei von nationalen Egoismen abwägt. Er spricht für alle 197 Nationen, die auf dem wichtigsten Klimagipfel seit sechs Jahren miteinander gesprochen, widersprochen, gestritten und gerungen haben.

António Guterres, UN-Generalsekretär auf der COP 26

Er sagte am Ende der COP in einer offiziellen Erklärung, es gab einige wichtige Verbesserungen, wie das Ausverhandeln des Regelbuches zum Pariser Übereinkommen und die Einigung um den Handel mit CO2-Gutschriften. Aber es ist noch lange nicht genug. Besonders mahnte er folgende Aspekte an: Geld und Kohle. Mehr Geld für die Entwicklungs- und Schwellenländer und einen schnelleren Kohleausstieg. Hier einige seiner Aussagen.

„Ich bestärke noch einmal, dass wir Subventionen, finanzielle Förderungen, von fossilen Brennstoffen beenden müssen. Wir müssen aus der Kohleförderung, aus dem Abbau von Kohle ((stufenweise)) aussteigen.“

Im englischen Original: „I reaffirm my conviction that we must end fossil fuels subsidies. Phase out coal.“

Er unterstrich auch in seiner Erklärung, wie wichtig es sei, dass die Industrieländer den Schwellenländern helfen, schneller von einer Kohlewirtschaft auf eine grüne Wirtschaft umzusteigen. In diesem Zusammenhang erwähnte er eine Partnerschaft eines Industrielandes mit Südafrika, dass ein Beispiel für solch eine Unterstützung darstelle. Das Industrieland indes nannte er nicht. Aber es ist Deutschland.

Deutschland ist auch eines der Länder, die für einen Geldtopf aus dem Anpassungsmaßnahmen in den Entwicklungsländern bezahlt werden sollen, einen großen Geldanteil bereitstellt. Von etwa 1,5 Milliarden Euro in dem Fonds kommen 150 Millionen Euro, also rund ein Zehntel aus Deutschland.

Überhaupt ist Deutschland auf der Ebene der Klimafinanzierung für Projekte in armen Ländern ein Vorreiter. Daher genießt unser Land auf Klimakonferenzen als Verhandlungspartner eine hohe Glaubwürdigkeit.

António Guterres betonte wie wichtig es ist, dass Industrieländer ihre finanziellen Zusagen einhalten. Insbesondere müssten die Finanzhilfen künftig noch mehr in Anpassungsmaßnahmen und nicht nur in Minderungsmaßnahmen gesteckt werden.

Der Unterschied zwischen beiden? Mehr dazu in meinem Buch.

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Hier nur kurz:

Anpassung: Maßnahmen, um die schon nicht mehr vermeidbaren Folgen des Klimawandels, abzufangen. Beispiele: Deiche höher bauen, Siedlungen umsiedeln, Landwirtschaft auf andere Fruchfolgen oder Pratiken umstellen.

Minderung: Maßnahmen, um die Ausstöße, die Emissionen, an Treibhausgasen zu senken. Beispiele: Umstellung von Kohle- oder Erdölförderung auf erneuerbare Energien und Investitionen in CO2-arme Technologien.

Das meiste Geld aus den reichen Ländern für Klimaprojekte in den ärmeren Ländern ging bisher in Minderungsmaßnahmen. Warum ist der Unterschied wichtig? Zum einen ist das Geld, das in Minderung gesteckt wird, auch für die Industrieländer eine Investition in ihre eigene Zukunft. Oder anders gesagt, sie haben auch direkt etwas davon. Denn wenn Länder im globalen Süden, das sind meistens Entwicklungs- oder Schwellenländer, ihre Emissionen verringern, kommt das weltweit dem Klimaschutz zugute. Das verringert dann –  auch wenn man das nicht so ausspricht – den Druck in den reichen Ländern, selbst schnell oder schneller die Emissionen zu reduzieren.

Zum anderen ist das Geld der Industrieländer, das in Adaption, also Anpassung, in den Entwicklungsländern gesteckt wird, auf den kurzfristigen, wirtschaftlichen Blick – aus Sicht der Industrieländer  – verschenkt. Denn wenn in afrikanischen Ländern Menschen vor Dürren oder in Indonesien vor Überflutungen durch vorbeugende Schutzmaßnahmen gerettet werden, hat es nicht direkt positive wirtschaftliche Auswirkungen auf die Industrieländer.

Das klingt schrecklich kalt. Deswegen stellt der UN-Generalsekretär Guterres klar: „Anpassung ist nicht ein technokratischer Begriff, es handelt von Leben oder Tod.“

Im Original: „Adaptation isn’t a technocratic issue, it is life or death.“

Daher flossen bisher die meisten Hilfsgelder in Minderungsmaßnahmen. Das soll sich aber zukünftig ändern. Denn die Klimaschäden im Süden, die man mit Anpassungsmaßnahmen schnell lindern oder beheben soll, sind vor allem durch die Energienutzung und die Emissionen aus dem Norden entstanden. Daher sind die Industrieländer in einer Bringschuld. Aber es hilft auch Vertrauen weltweit aufzubauen. „Nur so gelingt Klimaschutz“, Zitat aus meinem Buch.

Guterres: „Länder vor Klimaschäden und Katastrophen zu schützen ist nicht Wohltätigkeit. Es ist Solidarität und erkanntes Selbstinteresse.“

Im Original klingt es wie im Reim: „Protecting countries from climate disaster is not charity. It is solidarity and enlightened self-interest.“

Für nüchterne Seelen mag das alles völlig übertrieben klingen.

Nun, dann widmen wir uns noch einem anderen Menschen, der etwas zur COP26 sagen kann. Es ist der Präsident der COP26 selbst, der britische Finanzpolitiker Alok Sharma.

Der britische Politiker Alok Sharma ist Präsident der COP 26.

Mit Verlaub, aber Herr Sharma steht in keiner Weise im Verdacht ein Weichei oder nah am Wasser gebaut zu sein. Und doch geschah etwas sehr Beeindruckendes. Es war Samstagabend, schon einen Tag nach dem offziellen Ende der COP, und Alok Sharma verlas das Abschlussdokument Absatz für Absatz, um es danach zu beschließen. Nun gab es diese Passage darin zur Kohle. Also nicht zum Geld, wie im Deutschen das Wort Kohle auch benutzt wird, sondern natürlich in dem Fall zum braunen oder schwarzen Brennstoff aus dem Boden: der Braun- oder Steinkohle.

Um diese Passage wurde während der gesamten Konferenz am härtesten gerungen. In einer früheren Version hatte noch im Text gestanden, dass die Länder darin übereingekommen sind, die Kohleförderung auslaufen zu lassen, auf Englisch „phase out“ coal. Jetzt stand aber dort „phase down“ coal, also sie nur zu verringern. Das ist eine komplett andere Wendung: entweder man lässt Kohle auslaufen, also endet die Kohleförderung, oder man verringert sie, das heißt, man lässt sie weiterlaufen, aber in geringerem Umfang.

Was für einige wenige Kohle-Länder ein nationaler Sieg ist, wie für China und Indien, die Kohle noch weiter nutzen wollen, ist für den Rest der Welt eine schwere Niederlage im Kampf gegen den Klimawandel. Das wissen alle – alle, die an dem Abend, am Samstag, dem 13. November in dem großen Saal auf dem Konferenzgelände in Glasgow sitzen. Alok Sharma, als Verhandlungsführer während der zwei Wochen, muss sich diese Niederlage in der Diplomatie auch selbst ankreiden – zurecht oder zu unrecht. Aber er zeigt jetzt, wo er diese weich gewaschenen Passagen, diesen schlechten Kompromis für den Klimaschutz, den KomproMIST, vorlesen muss, Gefühle.

Dem sonst so selbstbewussten, redegewandten britischen Politprofil, fehlen plötzlich die Worte –  er entschuldigt sich und macht eine … Rede-Pause. Er kann nicht weiterreden!

„Ich möchte mich bei allen Delegierten entschuldigen, wie sich dieser Prozess schließlich entwickelt hat. Ähm, ich bin untröstlich. Ich verstehe die tiefe Enttäuschung [von vielen]. Aber ich denke, wie Sie wissen, dass es wichtig ist, dass wir diese Passage überhaupt verabschieden können [sonst hätten wir sie gar nicht drin gehabt].“

Im Original: „May I just say to all delegates, I apologizes for the way this process has unfolded. And ahm, I am deeply sorry. I also understand the deeply disappointment. But I think as you have noted, it is also vital that we protect this package.“

– Redepause.  – Stille im Saal. Manche verstehen erst gar nicht, was los ist. Als sie es begreifen, klatschen sie. Applaus aus dem Saal – erst zögerlich, dann immer stärker. Applaus nicht für die Passage, sondern für die Emotionen. Respekt und Anerkennug, dass Alok Sharma mit den Tränen kämpft, weil er es nicht besser ausgehandelt hat. Dafür bittet er um Entschuldigung. Hier bekommen die Klimaverhandlungen das, was sie neben dem wissenschaftlichen Verstehen brauchen: Herz und Mitgefühl.

Alok Sharma, Präsident der COP 26, kämpft mit den Tränen.

Diese Szene ging um die Welt. Ein harter Verhandler kämpft mit den Tränen – er weiß um die Enttäuschung, er ist selbst enttäuscht.

Für mich ist das eine der zentralen Szenen der gesamten Weltklimakonferenz. Sie spricht Bände.

Denn wer einmal verstanden hat, um was es geht, den können Rückschläge beim Kampf gegen den Klimawandel nicht mehr kalt lassen. Da António Guterres das schon lange weiß, redet er auch so eindringlich. Da auch Alok Sharma das nun verstanden hat, kommen ihm die Tränen – angesichts der vertanen Chance: nicht Ende der Kohleförderung, sondern nur eine Verringerung. Das ist nicht genug. Das ist ein Verhandlungsfehler, ein Misserfolg.

Angesichts der Not, die uns alle betrifft, ist sie offensichtlich noch nicht groß genug, damit alle Länder sich wirklich zusammentun. Damit 197 Länder auf eigene Vorteile verzichten und sich einigen, einschwören und aufmachen, das Klima zu schützen, ist die Not noch nicht groß genug. Das ist das Fazit der COP26: immer noch nicht.

Lausitzwelle TV Antworten auf Umfrage in Senftenberg

Welche Fragen haben die Menschen in der Lausitz zum Klimawandel? Wie sehen sie die Einschränkungen, die durch Klimaschutzmaßnahmen auf sie zukommen? Auf die Umfrage vom Marktplatz in Senftenberg antwortete ich am nächsten Tag im Studio der Lausitzwelle in Hoyerswerda.

Gesendet am 15. November. Länge: knapp 8 min.

Hinweis: Ein Klick auf dieses Bild öffnet das Video. Es werden dabei Daten zu Google übertragen.

Wir brauchen einen Lausitzer Bürgerrat fürs Klima. Damit die Menschen, die hier leben, mitentscheiden können, was gut fürs Klima und gut für das Leben vor Ort ist. Das ist für mich ein Ergebnis aus der Umfrage aus dem Lausitzer Seenland.

Die Lausitz ist in Deutschland eine der Regionen, die den Klimawandel langfristig am stärksten zu spüren bekommen. Wirtschaftlich und wettertechnisch. Diese Veränderungen sind nicht aufzuhalten. Deswegen sollten wir sie mitgestalten als sie nur zu erdulden. Jede Veränderung schmerzt. Es hilft zu verstehen, was dabei passiert.

Die Lausitzwelle hat ihr Sendegebiet in der ganzen Lausitz, im Teil von Brandenburg und im Teil von Sachsen. Sie sendet aus Hoyerswerda in Sachsen direkt an der Grenze zu Brandenburg. Sie widmet sich auch den Schmerzthemen: Strukturwandel und Klimawandel.

Artikel Cicero CO2-Entnahmetechnologien

Wer immer nur CO2 in die Luft entlässt oder das zu langsam verringert oder beendet, muss sich irgendwann fragen, wie man CO2 wieder aus der Luft herausholt. Ohne CO2-Entnahmetechnologien wird Klimaschutz nicht klappen. Mehr auf Cicero online.

Cicero Magazin, Online Artikel vom 12. November 2021

Was der Wald durch Photosynthese schafft, lässt sich auch mit Technologie erreichen: der Luft CO2 entnehmen / dpa

Klimaschutz
CO2-Entnahme: Innovation statt Verbote

Ein strittiger Punkt auf der Klimakonferenz in Glasgow war die Frage nach dem internationalen Handel mit Emissionsrechten, also Rechten oder Gutschriften, um Treibhausgase auszustoßen. Die Rechte sind kostbar, weil es in Zukunft immer teurer werden wird, CO2 auszustoßen. Ein neuer Absatzmarkt bietet sich an: Technologien zu entwickeln, die Emissionen senken, vermeiden oder sie sogar zurückholen.
VON ANJA PAUMEN am 12. November 2021

Cicero – Magazin für politische Kultur

Lausitzwelle TV Interview zu Beginn der COP26

Interview mit der Lausitzwelle, TV und Radio aus Hoyerswerda. Was kann die Weltklimakonferenz COP26 leisten und was bedeutet das für die Lausitz?

Gesendet am 5. November im Fernsehprogramm der Lausitzwelle. Länge 5:20 min.

Hinweis: Ein Klick auf dieses Bild öffnet das Video. Es werden dabei Daten zu Google übertragen.

In der ersten Woche der COP26, der Weltklimakonferenz in Glasgow, standen die Zeichen gut. Die Staats- und Regierungschefs mahnten zu Fortschritten und die Stimmung in der deutschen Delegation war dementsprechend optimistisch.

Die Lausitz ist in Deutschland eine der Regionen, die den Klimawandel langfristig am stärksten zu spüren bekommen. Wirtschaftlich und wettertechnisch. Diese Veränderungen sind nicht aufzuhalten. Deswegen sollten wir sie mitgestalten als sie nur zu erdulden. Jede Veränderung schmerzt. Es hilft zu verstehen, was dabei passiert.

Die Lausitzwelle hat ihr Sendegebiet in der ganzen Lausitz, im Teil von Brandenburg und im Teil von Sachsen. Sie sendet aus Hoyerswerda in Sachsen direkt an der Grenze zu Brandenburg. Sie widmet sich auch den Schmerzthemen: Strukturwandel und Klimawandel.

„Projekt Klimaschutz“ hat begonnen

Mein neues Buch „Projekt Klimaschutz“ ist soeben im Buchhandel und im Internet erschienen.
Warum es anders ist als alle anderen Klimabücher, ist schnell erzählt. Warum es hilft, die Kurve der Emissionen zu drücken auch. Aber das steht im Buch selbst.

Projekt Klimaschutz
Was jetzt geschehen muss, um noch die Kurve zu kriegen

Anja Paumen

ISBN: 978-3-96238-295-7
Softcover, 320 Seiten

Das Buch  ist Anfang Oktober 2021 im Oekom-Verlag erschienen.

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Gerne komme ich zu Ihrer Veranstaltung, um die Erkenntnisse und Thesen meines Buches in einem lebendigen Vortrag vorzustellen.
Nehmen Sie dazu Kontakt mit mir auf.

Pressemitteilung zum Erscheinungstermin

 

Sprechen wir über Schuld

Wenn die noch amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Schuld angesprochen wird, fehlen ihr die Worte. Angesichts der Zerstörung wirkte die Regierungschefin fassungslos. Dafür kenne die deutsche Sprache kaum Worte, sagte sie. Das, was sie in Schuld sah, sei surreal und gespenstisch.

Aber was bedeutet das, wenn wir von surreal und gespenstisch sprechen? Dem ging der Kulturwissenschaftler Moritz Ingwersen nach. „Surreal“ stehe für vermeintlich fremd, sagte er in einem Vortrag dieser Woche in Dresden. Wörtlich übersetzt steht „surreal“ für überwirklich, also der Wirklichkeit entzogen, darüber stehend oder schwebend. In der Kunst würde man mit dem Wort „surreal“ auch Traumlandschaften beschreiben, erklärte der Juniorprofessor der TU Dresden. Wirklichkeit und Träume verschwimmen in surrealen Bildern.

„Gespenstisch“ stehe für etwas Fremdartiges, so Jun.-Prof. Ingwersen weiter, aber nicht nur. Denn in dem Wort stecke auch die Bedeutung, dass dieses Gespenstische ein Zeichen für ein Trauma sein kann. Etwas, was wir Menschen irgendwann schon einmal gesehen und erlitten haben. „Wir haben etwas verdrängt. Es war also schon da“, interpretiert Ingwersen das Wort. Das Gespenst kehrt wieder zurück.

Was aber ist Verdrängung? Im Sport ist das Wort geläufig. In der Sportschau berichtet der Kommentator, dass Bayern München Borussia Dortmund von dem ersten Platz verdrängt hat. Mag sein, dass es für die Borussen auch eine Art von Trauma ist, schließlich war es sicherlich nicht das erste Mal.

Dass die Fußballer von Dortmund wie Reus oder Haaland in der Folge aber daran gehindert sind, ihren Alltag zu bewältigen, darf bezweifelt werden.

Bild aus einem Video des Spiels Dortmund gegen Bayern im Supercup 2021. Quelle: ZDF

Kurzum: Beim Sport vom ersten Platz verdrängt zu werden, ist doof, aber gehört zum Sport dazu. Das weiß jede/r Sportler:in und weil sie/er das weiß, kann sie/er sich auch stark dagegen wehren. Diese Tatsache zu verdrängen, wäre in dem Fall sogar kontraproduktiv.

In der Lehre von der Seele, der Psychologie, hat Verdrängung aber eine ganz andere Funktion. Denn hier ist Verdrängung eine Schutzfunktion für die Seele. Verdrängt wird ein schwer zu verarbeitendes Erlebnis, das uns das Weiterleben erschweren könnte, wenn wir weiter daran denken würden. Daher müssen wir es vergessen oder es so weit wegpacken, dass wir das Erlebte nicht mehr sehen oder uns daran erinnern. Gerade weil das Ereignis nicht oder nur schwer zu verarbeiten ist, schieben wir es aus einer Notsituation heraus weit weg in die Tiefen unseres Bewusstseins, was dann das Unterbewusstsein ist. Damit ist das Erlebte nicht mehr bewusst. Es ist aber unterbewusst noch da. Das Ereignis oder genauer gesagt die Erinnerung daran schlummert in uns wie ein unterirdisch aktiver Vulkan.

Wenn das so ist, dann sind die Worte der Kanzlerin in Schuld neu zu bewerten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel am 18. Juli 2021 in Schuld im Ahrtal. Quelle: ARD Mediathek

Das, was sie am 18. Juli bei ihrem Besuch in dem zerstörten Eifelort Schuld sieht, sei surreal und gespenstisch, weil es für sie unwirklich und vermeintlich fremd ist. Aber eben nur vermeintlich also nicht wirklich fremd! Das hat sie und das haben wir genauso schon einmal gesehen. Wir – wie die Kanzlerin auch. Diese Bilder kennen wir aus anderen Teilen der Erde. Uns jetzt kommt das Entscheidende: Wir wissen auch was dahinter steckt. Wir wissen es, wollen es aber nicht wahrhaben. Verdrängung!

Wir können Erlebtes verdrängen oder nur das Wissen darum. Auch das Wissen lässt sich verdrängen, weil es genauso schmerzhaft sein kann wie etwas konkret Erlebtes. Denn auch Wissen wird von uns erlebt: Wir sehen Bilder, hören Nachrichten, lesen Informationen und haben dann dazu Gefühle, die uns so schmerzen, dass wir sie verdrängen wollen. Verdrängtes kommt also ursprünglich aus der Wirklichkeit. Es ist oder war zu einem bestimmten Moment wahr, echt und real. Danach haben wir es aber aktiv vergessen wollen und deswegen verdrängt.

Aber jetzt angesichts von Schuld können wir es nicht mehr verdrängen.

Es poppt wieder hoch: Wie ein Korken, den wir unter Wasser drücken wollen. Wir alle wissen was hinter der Flutkatastrophe im Ahrtal, an der Erft und der Wupper steckt. Der Klimawandel.

Ganz ehrlich: Verdrängung ist kurzfristig sinnvoll, aber auf Dauer macht es alles nur schlimmer. Ich habe ein Mittel für Sie und dich gegen die Verdrängung des Klimawandels. Es ist ein Mittel, das gut verträglich ist und deren Gebrauch Heilung in Aussicht stellt.

Heilung für unsere Seele und unsere Erde: Wir können etwas gegen den Klimawandel tun.

Details erfahren Sie und erfährst du in meinem neuen Buch.

Das neue Buch: Projekt Klimaschutz, erscheint im oekom Verlag

Erscheint am 5. Oktober im Buchhandel. Jetzt schon vorbestellbar.

Tesla gewinnt – aber nicht nachhaltig

Beim Wort nachhaltig geht gehörig was durcheinander – oder läuft auseinander. Über einen Widerspruch im Sprachgebrauch… über ein Synonym, das keines ist.

Gestern am 23. Juli 2020 kam folgende Meldung in den Nachrichten vom Deutschlandfunk:
„Nachhaltiger Gewinn bei Tesla!“

Sorry, aber das ist falsch! Im ursprünglichen Sinne gibt es keinen nachhaltigen Gewinn bei Tesla. Warum nicht? Der Gewinn bei Tesla kann nicht nachhaltig sein, denn der Gewinn von Tesla kommt durch massenhafte Produktion und Verkäufen von Elektroautos zustande.

Von April bis Juni 2020 erwirtschaftete Tesla einen Gewinn von 104 Millionen Dollar. Damit, so heißt es auf der Webseite der Tagesschau, schrieb das US-Unternehmen erstmals seit der Gründung 2003 über zwölf Monate hinweg schwarze Zahlen. Anders gesagt: das sind vier Quartalsgewinne in Folge. Der letzte also im Jahresquartal April, Mai, Juni 2020.

Damit nicht genug: trotz Corona Pandemie, so heißt es weiter, halte der E-Autobauer an seinem ambitionierten Ziel fest, im Jahr 2020 über 500.000 Autos auszuliefern. Während der Automarkt in der Corona Krise weltweit einbrach, verlor Tesla nur etwa fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, weil Tesla immer noch 91.000 Fahrzeuge in drei Monaten absetzen konnte.

So mehr muss man eigentlich dazu nicht schreiben.

Nachhaltig ist hier wohl eher gemeint im Sinn von langanhaltend. Aber langanhaltend ist NICHT gleich nachhaltig. Zumindest nicht in dem Sinne von nachhaltig wie es in anderen Zusammenhängen in der Gegenwart von Medien und Menschen benutzt wird und wie es auch ursprünglich bei Einführung des Wortes gedacht war. Eigentlich bedeutet nachhaltig so viel wie umwelt- und ressourcenschonend, generationengerecht und menschenschonend. Hier die genaue Definition von nachhaltiger Entwicklung aus dem Brundtland-Bericht von 1987, mit der der Begriff in die globale Diskussion eingebracht wurde.

Sustainable Development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.  Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart sichert, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu beeinträchtigen, ihre Bedürfnisse zu sichern. (Abschlussbericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, world commission for environment and development, wced, 1987).

Der daraus abgeleitete Begriff Nachhaltigkeit, Sustainibility, wird in der Definition vom Weltklimarat IPCC, so übersetzt: A dynamic process that guarantees the persistence of natural and human systems in an equitable manner. Okay, das ist dann der Super-Anspruch: Ein dynamischer Prozess, der das Weiterbestehen des natürlichen und menschlichen Systems in einer gerechten Art und Weise garantiert.

Vielleicht kann man sich hierauf einigen: Sustainable development is development that meets the needs of the present and future generations through balancing economic, social and environmental considerations. (IPCC Special Report 1,5°C, 2018). Aber auch hier ist von einem Ausgleich, von einer Balance zwischen wirtschaftlichen, sozialen und umweltbedingten Überlegungen die Rede.

Ein globales auf maximalen Gewinn ausgelegtes Unternehmen, das diese Balance lebt, gibt es meines Wissens nicht. Oder kennen Sie so eines? Ein Unternehmen, das eine halbe Million Autos pro Jahr ausliefern will, ist weder ressourcenschonend noch generationengerecht. Es wird mit dieser Produktion das Weiterbestehen des natürlichen Systems auf unserer Erde nicht garantieren, wie vom Begriff her gefordert. Vielleicht ist es gut für die Menschen, die gerade in dem Moment in den Autohallen arbeiten und für die in den Zulieferbetrieben. Aber wie lange soll das weitergehen? Dieses Unternehmen von seinem Anspruch her oder von seinem Gewinn her als nachhaltig zu charakterisieren ist entweder a) irrsinnig oder b) in einem anderen Sinn von nachhaltig zu verstehen. Eben wie langanhaltend. Aber das muss man erkennen und nicht als Etikettenschwindel durchgehen lassen! Auch ein Krieg kann lange anhalten, aber nachhaltig würde ich ihn nicht nennen.

Cottbus wirbt für Klimaschutz

Cottbus hat ein neues Symbol, das in der Klimawissenschaft für mehr Engagement zum Schutz des Klimas steht.

Die Fassade des neuen Bahnhofsgebäudes zieren die Warming Stripes, die Wärmestreifen.

Bahnhofsgebäude mit Streifenfassade. www.s-h.info/

Diese so genannten Warming Stripes stehen in der Klimawissenschaft als markantes Bild für den Anstieg der weltweiten Lufttemperaturen in den letzten 150 Jahren. Sie gehen auf den britischen Klimaforscher Ed Hawkins zurück, der sie 2018 der Wissenschaftsgemeinde vorstellte.

Die Warming Stripes sind das Logo der Scientists for Future geworden. Hier haben sich über 25.000 Wissenschaftler zusammengeschlossen, um die Fridays for Future Bewegung zu unterstützen.

Wissenschaftler für die Zukunft – Sie unterstützen die Fridays for Future Bewegung. www.scientists4future.org

Mit dieser Botschaft an einem ihrer wichtigsten Knotenpunkte stellt sich die brandenburgische Stadt, mitten in der Debatte um Kohleausstieg und Strukturwandel, auf die Seite der Klimawissenschaftler: Raus aus der Kohle – rein in die Zukunft. Cottbus für Klimaschutz.

Die Fassade wurde von dem Design Büro Strauss & Hillegaart aus Cottbus gestaltet.

„Wenn das so gesehen wird, dann ist das total super“, bekennt Markus Hillegaart. Er ist Geschäftsführer des Design Büros und begrüßt die Interpretation mit dem Klimawandel ausdrücklich, wie er sagt. Ihre Inspiration für das Design seien aber die Wolken und ein vorbeifahrender Regionalexpress gewesen. Wenn diese verpixelt werden, so Hillegaart, ergeben sie dieses Streifenbild.

Die Fassade des Bahnhofsgebäude mit den Warming Stripes. www.s-h.info

Zufall?

Wolken sind in der Klimawissenschaft eines der kritischsten Forschungsbereiche. Manche Wolkenbildungen erwärmen die Atmosphäre, andere kühlen sie! In Zukunft könnte man an der Wolkenbildung drehen wollen. Auch der Regionalexpress passt ins Bild. Wer auf die Bahn umsteigt, schont das Klima. Wir brauchen mehr Züge für die Zukunft.

Für mich ist das definitiv kein Zufall. Es ist ein Wink für die Stadt und die Region. Cottbus steht wie die gesamte Lausitz am Scheideweg. Auf in die Vergangenheit oder zurück in die Zukunft? Aber entscheiden Sie selbst!

Bahnhofsuhr – in den Wolkenstreifen. www.s-h.info/

Hintergrund:

Für jedes Land lässt sich ein eigenes Warming-Stripes-Muster anfertigen, je nachdem wie weit die nationalen Durchschnittstemperaturen schon gestiegen sind. Weltweit sind die Temperaturen um 1,1°C gemittelt über alle Land- und Wasserflächen der Erde bereits angestiegen. Aber in den nördlichen Regionen sind die Anstiege viel höher. In der Arktis liegen die Temperaturanstiege teilweise bei 3 – 4°C und auch in Deutschland, das weit nördlich auf der Nordhalbkugel liegt, sind die Durchschnittstemperaturen schon viel stärker als weitweit gestiegen: um 1,6°C. Das belegen die aktuellen Werte des Deutschen Wetterdienstes von 2020. Damit steht Deutschland schon jetzt außerhalb des ambitionierteren Pariser Klimaziels. In Paris ist 2015 vereinbart worden, dass die Weltgemeinschaft die Temperaturerhöhung auf 2°C und möglichst sogar auf 1,5°C begrenzen soll.

Seit Juli 2018 gibt es auch nationale Wärmestreifen für Deutschland. Sie basieren auf den historischen und aktuellen Temperaturwerten aus Deutschland. Diese werden dann in Farbstreifen übersetzt.

Wärmestreifen für Deutschland. www.klimafakten.de

Die Grafik visualisiert die Durchschnittstemperatur für Deutschland zwischen 1881 und 2017; jeder Streifen steht für ein Jahr, Basis ist der Datensatz des DWD; Grafik: Ed Hawkins/klimafakten.de.

In manchen Bildern ist das Rot schon in Schwarz übergegangen – ganz rechts auf der Skala. Schwarz – für einen Anstieg von mehr als 2°C.

Weggekommen

Zum 75. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkrieges. Ein Wort, eine Erinnerung.

Sie sagte immer, „sie sind weggekommen“. Anfangs dachte ich, sie hätte mehrere Sachen verloren. So wie man einen Brief oder ein gesticktes Taschentuch verliert und sie hatte eine Menge von diesen gestickten Taschentüchern. Auf jeden Fall dachte ich zuerst an eine Sache, ein Ding, das man verliert. Ich hatte damals auch schon etwas verloren: eine weiße Strickjacke, die ich über dem Geländer unserer Grundschule habe hängen lassen. Mir war warm, ich habe sie ausgezogen, wir haben gespielt, dann kam der Bus … und die Jacke hing da noch. Später als ich den Verlust bemerkte, hing sie da nicht mehr. Ich bekam natürlich mächtig Ärger Zuhause. Teuer war sie wohl die Jacke.

Ja, das machte Sinn für mich. Etwas was teuer war, kommt weg und das ist dann schlimmer, als wenn etwas weniger teuer war und wegkommt. Ich hätte besser aufpassen müssen! Dabei mochte ich die Jacke. Ehrlich. Sie war mir bloß in dem Moment aus dem Sinn gekommen und dann war sie weggekommen. In dem Zusammenhang dachte ich an das Wort. Besonders schlimm muss es sein, wenn etwas wegkommt, was teuer war. Heute weiß ich es besser: untröstlich ist es, wenn jemand „wegkommt“, der einem teuer war.

Hannah, meine liebe Hannah, hat das Wort in einem Zusammenhang benutzt, der mich anfangs schon irritierte. Damals als wir uns trafen: ich das Grundschulmädchen und sie die feine ältere Dame aus der Wohnung gegenüber. Sie kam mir aber nie alt vor, nur die Zahlen ihres Alters erschienen mir unendlich weit weg von meinem eigenen. Immerhin noch einstellig!

Sie sagte, „sie ist weggekommen“ oder „er ist auch weggekommen“.

Am Anfang redete ich mir ein, dass es Hoffnung gibt, dass diese Dinge wiederkommen, dass man sie wiederfindet. Ich meine, wenn etwas wegkommt, dann ist es ja nur w o a n d e r s hingekommen. Es hat sozusagen nur den Ort gewechselt. Meine weiße Strickjacke, dachte ich, die hat niemand in die Mülltonne geworfen. Die war schön, aus gutem Material, eben was Teures, das konnte man schnell sehen. Jemand hat diese Jacke mitgenommen – für sich. Vielleicht hat er sie im Fundbüro abgegeben. Auf jeden Fall war ich mir sicher, dass diese Jacke nicht vernichtet worden ist. Sie existierte weiterhin. Sie war bloß weg – nicht mehr in meinem Besitz. Also wenn ich so an das Wort „weggekommen“ dachte, dann schwang da Leichtes mit. Etwas Trost, dass das Ding wiederauftaucht oder zumindest in neuen guten Händen ist.

So etwas meinte Hannah aber nicht, wenn sie sagte „sie sind weggekommen“. Ich begriff das allmählich. Sie sagte das einmal und schwieg dann. Ich spürte immer mehr, dass etwas Endgültiges darin lag. Da war keine Hoffnung auf ein Wiedersehen, da war kein Trost. Hannah meinte etwas, was ich mir nicht vorstellen konnte damals und sie wusste das und sagte nichts weiter. Es war ein Donnerschlag von einem Satz, der dann wieder verstummte, leise im Raum sich niederlegte. Dann wurde es immer klarer: Menschen sind „weggekommen“! Sehr viel später begriff ich dann, dass dieses „weggekommen“ viel zu still, leise ist. Das es eigentlich harmonisch und harmlos klingt.

Aber vielleicht war es genau das, warum Hannah bei diesem Begriff blieb. Ein Euphemismus, eine Beschönigung, um sich selbst zu schützen. Um den Gedanken wegzuschieben, wie grauenvoll sie und er und alle anderen starben. Um das Unfassbare nicht denken zu müssen. Dann lieber „weggekommen“ sagen, damit auch das eigene Gehirn vor zu viel Störfeuer, vor zu viel Grausamkeit geschützt ist. Auch einige von ihren Freunden aus der Zeit, die ich später traf, nutzten genau das gleiche Wort.

Tatsächlich habe ich im Laufe der Zeit festgestellt, dass nur ganz wenige und nur ganz bestimmte Menschen das Wort in dieser Weise benutzten. Genau deswegen konnte man anhand dieses Wortes eindeutig feststellen, zu welcher Gruppe der Sprecher gehörte. Wer immer auch von „weggekommen“ sprach, war eindeutig selbst einer oder eine von denen, die das Regime nicht hatte überleben lassen wollen. Niemals hätte ein Geschichtslehrer in meiner Schule, ein Wissenschaftler in einem Buch oder sonst jemand, der zum Thema der Menschenvernichtung sich äußerte, von „weggekommen“ gesprochen. Niemals, es sei denn, er war einer von denen, die auch „wegkommen“ sollten. So wie Hannah.

Hannah sagte „sie sind alle weggekommen“ und guckte so entrückt. Ich ahnte als kleines Kind, dass diese Erinnerung einen besonderen Einfluss auf sie, auf jeden Menschen haben muss. Sie war dann für einen Moment nicht hier, sie war bei dem Wort „weggekommen“ selbst hinweg genommen in eine andere Sphäre. Ich starrte sie an. Ich schaute Hannah immer ganz genau an, weil ich immer ganz genau zuhörte. Ich dachte, ich würde sonst vielleicht etwas Wesentliches verpassen. Aber wenn ich nachfragte, hörte sie mich nicht. Ich wollte nicht unhöflich sein. Ich dachte, wenn sie mir nicht mehr sagen will, dann hat sie ihre Gründe. Vielleicht macht es sie einfach zu traurig. Hannah war gut zu mir. Ich wollte Hannah glücklich sehen und nicht traurig. Hannah war mir nah.

Heute vermisse ich dieses Wort. Denn es war und ist ein Hannah-Wort. Ich habe es immer nur bei ihr, von ihren Freunden oder natürlich von ihr gehört. Auch wenn eine dröhnende Traurigkeit im Raum lag, wenn sie das Wort sagte.  Ich würde es gerne noch einmal hören. Wenn sie es sagt. Ich würde Hannah gerne noch einmal hören. Vielleicht würde ich sie heute in den Arm nehmen. Aber vielleicht auch nicht. Sie wollte nicht getröstet werden, sie war geistig ganz weit weg in dem Moment –  nicht hier. Du kannst nicht jemanden trösten, der geistig nicht bei dir ist. Solltest du den umarmen, wird er dich vielleicht wegstoßen oder völlig überrascht, ungewöhnlich reagieren. Denn die Umarmung trifft ihn nicht in der Gegenwart, sondern die Berührung kommt zu ihm, in dem Moment, in dem er das sieht und fühlt, wovon er zuvor gesprochen hat. Wenn dieser Mensch „weggekommen“ zuvor gesagt hat, dann befindet er sich bei denen und in dem Moment als der Umstand zuschlug, der zum „weggekommen“ führte. Deswegen können keine tröstenden Worte ihn erreichen. Aber überhaupt, Hannah war nicht jemand, der sich trösten ließ.

Warum? Vielleicht gibt es auch dafür handfeste Gründe.

Man konnte Hannah nicht trösten, weil der Verlust und die erlebte Bedrohung zu enorm, zu allumfassend und zu überdimensional waren. So alles umfassend, dass diese Erfahrungen sich für immer einritzten, allumfassend blieben und sich später auch nicht mehr wegtrösten ließen. Ich glaube Hannah war traurig und wütend zugleich. Unversöhnlich wütend und verletzt. Sie war auch hart. Aber ich denke, das war ihr Charakter schon von Anfang an. Sie war eine Kämpferin, hart gegen sich und hart gegen andere. Womöglich waren das die Gründe, warum sie überlebte und dageblieben war.

Hannah ist jetzt vielleicht da, wo sie die findet, die „weggekommen“ sind. Das hängt von der Betrachtung ab, die man anstellt. Aber das Verrückte ist, dass irgendwie ihr Verlust auch auf mich übergegangen ist. Nicht nur mein Verlust, dass meine liebe alte Hannah nicht mehr da ist. Sondern der Verlust, an dem Hannah zu ihren Lebzeiten litt und den ich durch ihre Trauer miterlebte. So ist irgendwie ihre Trauer auch meine geworden.

Heute denke ich an Hannah und an die, die Hannah meinte, wenn sie sagte „die sind weggekommen“. Genau heute vor 75 Jahren war deren und Hannahs Martyrium zu Ende. Hannah hat überlebt. Hannah konnte ich treffen und kennenlernen. Die anderen habe ich nicht getroffen. Sie waren vorher schon „weggekommen“. Sechs Millionen Mal „weggekommen“.