Wut im Bauch

Wutbürger! Das Wort hat einen negativen Beigeschmack. Dabei ist Wut nicht von vorneherein schlecht. Im Gegenteil: Unsere eigene Wut sollten wir ernst nehmen – unbedingt.

Das Entscheidende ist, was wir mit dieser Wut anfangen.

Heute geht Gen-Z auf die Straße. Gen-Z, das ist die Abkürzung für „Generation Z“ und die steht für die Geburtsjahrgänge von 1995 bis 2010. Es ist also die jüngere Generation im Alter zwischen 15-30 Jahren. Sie haben Wut im Bauch und gehen demonstrieren u.a. für bessere Bildungschancen. Das ist ihr gutes Recht.

Das Grundrecht, was dahinter steckt, ist das Recht auf Versammlungsfreiheit. Das Demonstrationsrecht ist eine Unterkategorie des Rechts auf Versammlungsfreiheit und mit weiteren Pflichten wie etwa der Anmeldung der Demonstration verbunden.

Klimastreik, Gruppe Fridays for Future in Senftenberg, März 2021

Es ist auf jeden Fall eine gute Sache, gemeinsam mit anderen seiner Wut und damit dem Wunsch auf Veränderung Ausdruck zu verleihen. Davon lebt die Demokratie. Es ist genauso wichtig, wie die Pressefreiheit und die regelmäßig stattfindenden freien, gleichen und geheimen Wahlen.

Allerdings gibt es oft Missbräuche! Pressefreiheit wird zur Hetze und Lüge genutzt, Wahlen werden manipuliert und Politiker und Politikerinnen bedroht und Demonstrationen für Gewaltausbrüche und Plünderungen von gewaltbereiten Personen vereinnahmt.

In allen drei Fällen werden Menschenrechte anderer verletzt:  Das Recht auf freie Meinungsbildung, auf körperliche Unversehrtheit und der Schutz meines Eigentums.

Das ist das Dilemma: Rechte, Freiheiten und Chancen in einer Demokratie werden missbraucht – durch Einzelne, organisierte Gruppen oder gar Staatsführungen. Das ist aber kein Grund diese Rechte einzuschränken. Im Gegenteil: Diese Grundrechte, wie eben auch das Recht friedlich zu demonstrieren, sind die Säulen unserer demokratischen Gesellschaft.

Heute ist auch Reformationstag. Auch Martin Luther hatte Wut im Bauch. Am 31. Oktober 1517 schlug er die 95 Thesen an die Kirchentür in Wittenberg. Er war damals 33 Jahre jung und quasi nicht mehr ganz, aber fast noch Gen-Z.

Martin Luther, Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Martin_Luther

Der damalige Augustinermönch und junge Professor der Theologie wollte mit seinem öffentlichen Protest verschiedene Veränderungen in der katholischen Kirche anstoßen. Gewalt um diese Ziele zu erreichen, lehnte er ab. Was allerdings viele seiner Anhänger später nicht davon abhielt, Gewalt gegen die Eigentümer von Klöster und Burgen einzusetzen. Die wurden von den Bauern für die Ursachen ihrer Wut verantwortlich gemacht.

Interessant war Luthers Reaktion darauf. Er warf den plündernden Bauern Missbrauch ihres Glaubens vor – nämlich Gotteslästerung. Er forderte sogar die Fürsten, also die damaligen Herrscher auf, diese Aufstände, wenn nötig, auch mit Gewalt niederzuschlagen.

Das wäre so, als würde ein Studentenführer oder eine Initiatorin einer Gen-Z-Demonstration bei Ausschreitungen oder Plünderungen die Polizei bitten, diese mit „Staatsgewalt“ zu beenden.

Zu Luthers Zeiten gab es nicht das Recht auf Versammlungsfreiheit – im Gegenteil. Die Menschen waren Untertanen und hatten gehormsam zu sein. Daher hatten sie keine große Wahl, wie sie ihrer Wut Ausdruck verleihen wollten.

Wut im Bauch ist gut. Heute können wir sie für friedliche Demonstrationen oder andere Arten der Versammlungsfreiheit nutzen. Wut kann so hilfreich sein, wenn sie gut eingesetzt wird.

Das war auch Thema meines Kommentars in der Sendung Drehscheibe des Senders Lausitzwelle am 10.9.2026.

Hinweis: Ein Klick auf dieses Bild öffnet das Video. Es werden dabei Daten zu Google übertragen.

Wie wir gut mit unserer Wut umgehen, ist ein Balanceakt! Ich hoffe, wir finden einen guten Weg!

Abgesehen von Wut auf die Politik, spielt unsere Wut in Beziehungen eine noch größere Rolle für unser Wohlbefinden. Daher empfehle ich denen, die mehr dazu wissen wollen, gerne folgendes Buch.

Lesetipp für Frauen – aber nicht nur: Wohin mit meiner Wut von Harriet G. Lerner. Erschienen im Kreuz Verlag oder Fischer Verlag. Es wird nicht mehr neu aufgelegt, aber ist auf den diversen Online-Plattformen gebraucht erhältlich.

Buchtitel, Fischerverlag 1990.

Fotohinweis: Das Beitragsbild ist eine mittels KI generierte Fotomontage, die im Hintergrund die Schlosskirche von Wittenberg und das Porträt Martin Luthers zeigt. Quelle für das Porträt: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Martin_Luther